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BHM 2019: Bebero Lehmann

Bebero, in diesem Jahr findet zum ersten mal in Köln, ein „offizieller“ Black History Monat statt. Du, Esther Donkor, Nancy Mac Granaky-Quaye, Kaleo Sansaa, und das Afrika Filmfest habt den diesjährigen Black History Month in Köln ins Leben gerufen. Bevor wir darauf etwas genauer eingehen, sind wir daran interessiert etwas mehr über Dich zu erfahren!

Du bist?

Bebero: Mein Name ist Bebero Lehmann, ich bin eine afro-deutsche Frau, Mutter, Historikerin, Journalistin und Aktivistin.

Wer waren Deine Vorbilder, wer hat Dich inspiriert?

Klar gab und gibt es immer bekannte Persönlichkeiten, die mich inspirieren. Aber als wirkliche Vorbilder würde ich eigentlich eher Menschen bezeichnen, die ein Stück meines Lebenswegs mit mir gemeinsam gegangen sind. Zu allererst sind das meine Mutter, meine Oma und meine Uroma. Diese drei Frauen waren natürlich nicht perfekt, aber ihre Stärke hat mich sehr geprägt und sie haben mir von klein auf vermittelt mich selbst zu lieben und an meine innere Stärke und meine schöpferische Kraft zu glauben.
Während des Studiums war die Begegnung mit einigen jüngeren Professorinnen für mich sehr wichtig und inspirierend, um meinen Platz im Bereich der Geschichtswissenschaften zu finden. Das ist ja immer noch ein Bereich der stark von Weißen Männern geprägt wird. Auch wenn sich da seit „Farbe bekennen“ schon einiges getan hat.

In Paris hatte ich außerdem mit Elikia M’Bokolo zum ersten Mal einen Schwarzen Professor, der zu mehrheitlich Schwarzen Studentinnen und Studenten über Schwarze Geschichte als Teil der europäischen Geschichte gesprochen hat. Da fügte sich für mich plötzlich ganz viel zusammen. Ich begann mich mit afro-deutscher Geschichte zu beschäftigen und verstand nach und nach auch mehr von meiner eigenen Geschichte und Gegenwart.

Gibt es einer Schwarzen Frau von heute die Dich inspiriert?

Es gibt heute viele inspirierende Schwarze Frauen, denen ich auch schon begegnen durfte und zu denen ich natürlich auch Esther, Kaleo und Nancy zählen würde. Kürzlich hat mich außerdem Marion Kraft, die ich für den Freitag interviewen durfte (erscheint zum BHM diesen Monat) sehr inspiriert. Sie gehört eben zu jenen afro-deutschen Frauen, die in den 1980er Jahren wichtige Pionierarbeit geleistet haben und sie versteht es sehr gut die Botschaften von Audre Lorde, mit der sie auch gut befreundet war, ins heute zu transferieren.

Wer oder was hat Dich zum Aktivismus gebracht?

Da gab es ehrlich gesagt keinen Schlüsselmoment. Es war eher ein Prozess. Irgendwann reichte es mir nicht mehr geschichtliche Zusammenhänge zu studieren und deren Zusammenhänge mit Rassismus oder der Flüchtlingspolitik heute zu erkennen. Irgendwann musste ich mich einmischen. Aus diesem Drang heraus sind auch meine kolonialkritischen Rundgänge und der Black History Month entstanden. Damit möchte ich am Geschichtsbewusstsein hierzulande rütteln, das immer noch sehr Weiß und eindimensional ist.

Wann und wie bist Du mit dem BHM zum ersten Mal in Berührung gekommen?

Seit Jahren lese ich jedes Jahr im Winter welche tollen Veranstaltungen es im Rahmen des Black History Month in Hamburg, Frankfurt und Berlin gibt. Kaleo und ich haben deshalb schon oft gesagt: das fehlt uns hier in Köln, nächstes Jahr müssen wir da auch mal was machen. – Und dann ging wieder ein Jahr vorbei. Letztes Jahr im Oktober sind wir dann endlich aktiv geworden. Dass Kaleos Soultrip-Poetry-Event und meine kolonialkritischer Rundgang Teil des BHM sein würden, war sofort klar. Dann habe ich Nancy und Esther, die ich kurz vorher beim Afrika Filmfestival kennengelernt habe, gefragt, ob sie einen Film zeigen wollen – und die beiden hatten große Lust den BHM mitzugestalten. Bei unserem ersten Planungstreffen stellte sich außerdem heraus, dass Esther auch Yoga unterrichtet, was eine total schöne Ergänzung zu unserem Programm ist. Denn bei allem Aktivismus kommt die Self Care oft zu kurz kommt. Ja und so hat sich das BHM-Programm zusammengefügt. Dass wir dann auch alles so umsetzen können, wie wir es geplant haben, verdanken wir der tatkräftigen Unterstützung und Förderung durch die ISD und EOTO und durch den großen Support vom Afrika-Filmfestival-Team. Das muss an dieser Stelle natürlich auch mal gesagt werden.

Welche Bücher, Filme, Musik oder Künstler haben Dich persönlich beeinflusst und inspiriert und warum?

Genau wie Esther, bin auch ich mit den Klängen von Bob Malrey aufgewachsen. Seine Musik hat mich schon als Kind sehr berührt und seine Kernaussagen finde ich nach wie vor wichtig. Später hat mich die ganze Hip-Hip-Bewegung sehr geprägt. Da gab es plötzlich ein Schönheitsideal, mit dem ich mich identifizieren konnte. Außerdem hat mich schon immer die politische Dimension sehr interessiert, auch wenn ich mit 14 vieles noch nicht so ganz verstanden habe. Über 2Pac kam die Auseinandersetzung mit den Black Panter. Aus dem deutschsprachigen Bereich war für mich das, was Brothers Keepers gemacht habt, wichtig, der Song „Adriano“ zum Beispiel. Heute finde ich spannend, wie Megaloh, Musa und Ghanaian Stallion als BSMG die Deutsche Kolonialvergangenheit und deren Fortwirken bis heute, thematisieren.

Wichtige Bücher waren und sind für mich „Provincializing Europe“ von Dipesch Chakrabarty, „Black Germany“ von Robbie Aitken, „Pan-Africanism and Communism“ von Hakim Adi, „The Black Atlantic“ von Paul Gilroy, alles, was ich bisher von Chimamanda Adichie, Zadie Smith und Chinua Achebe gelesen habe, Theodor Michaels Autobiographie „Deutsch sein und schwarz dazu“, „Farbe bekennen“ – natürlich, „Deutschland Schwarz weiß“ von Noah Sow und aktuell: „Empowering Encounters with Audre Lorde“ von Marion Kraft. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Bücher fallen mir ein. Aber ich mache jetzt mal einen Punkt.

Filme gibt es auch viele sehenswerte. Im Hinblick auf unseren Aktivismus finde ich den Film über Audre Lordes Berliner Jahre sehr inspirierend, weil er viele Dinge anspricht, aber gleichzeitig eine ziemlich empowernde Wirkung hat. Außerdem kann ich zum Thema Kunst von afro-deutschen Frauen und Empowerment den Film „Millies Erwachen“, der im Rahmen des BHM am 16.02. hier in Köln zu sehen ist, nur wärmstens empfehlen.

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BHM – kann ein Monat reichen? Als Dr. Carter G. Woodson, die „Negro History Week“ einführt, hoffte er, dass sie eines Tages obsolet wird, und zwar, wenn Schwarze Geschichte als Bestandteil der amerikanischen Geschichte von allen akzeptiert wird. Stattdessen soll es später zu einem monatlichem Fest ausgebaut werden.

Ich denke auch in Deutschland ist es nach wie vor das Ziel, dass die afro-deutsche Geschichte ein selbstverständlicher Teil des vorherrschenden historischen Narrativs ist. Doch bis es soweit ist, ist es wichtig Räume zu schaffen, in denen ein entsprechendes Geschichtsbewusstsein entstehen und wachsen kann und in denen vor allem auch afro-deutsche Menschen all das über ihre Geschichte lernen können, was noch nicht in den Schulen vermittelt wird. Der Black History Month ist eine schöne Gelegenheit dazu. Aber ich bin dafür auch in den anderen 11 Monaten des Jahres so viele Gelegenheiten und Räume wie möglich dafür zu schaffen.

Warum glaubst Du, dass der BHM in dieser, regulären und wiederkehrenden Form zelebriert werden soll und was bedeutet der Black History Month für Dich?

Ich finde gerade in Deutschland ist der Black History Month eine schöne Gelegenheit, nicht nur um die Geschichte und Gegenwart Schwarzer Menschen in Deutschland zu würdigen, sondern auch um uns auszutauschen, zu vernetzen, und auch einfach Spaß zu haben – zum Beispiel bei einer der tollen Veranstaltungen, die die künstlerischen Leistungen Schwarzer Deutscher sichtbar machen. Denn ich denke, gerade in Deutschland ist es immer noch für viele ein wichtiges Thema aus der Vereinzelung raus zu kommen.

33 Jahre nachdem „Farbe bekennen – Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“, das erste Buch in Deutschland, das sich mit Feminismus, Rassismus, Identität und afrodeutscher Geschichte beschäftigte, heraus und der nicht mehr ganz so leisen Debatte über Rassismus, Diskriminierung – hat sich Deutschland Deiner Meinung nach in den letzten Jahren hinsichtlich der „Bekämpfung“ Rassismus und Diskriminierung verändert?

Diese Pionierinnen der afro-deutschen Frauenbewegung, die „Farbe bekennen“ geschrieben haben, haben in Deutschland vieles angestoßen. Es gibt heute eine bundesweit vernetzte afro-deutsche Community, auch wenn Vereinzelung immer noch ein Problem ist. Aber es gibt eben Vereine und Ort, wie die ISD und EOTO zum Beispiel, die Gemeinschaft schaffen und außerdem auch wichtige politische Arbeit machen, etwa in Zusammenhang mit der Internationalen Dekade für Menschen afrikanischer Abstammung.

Außerdem wird heute ganz anders über Alltagsrassismus und auch über institutionellen Rassismus gesprochen, als noch in den 1980er Jahren. Es gibt mehr Anlaufstellen in denen Opfer von rassistischer Gewalt Unterstützung finden können. Gleichzeitig ist es aber frustrierend, dass immer noch so viele rassistisch motivierte Gewalttaten unaufgeklärt bleiben und sich strukturell so wenig ändert.

Aber auch im wissenschaftlichen Bereich hat sich schon einiges getan. Afro-deutsche Geschichte und die deutsche Kolonialvergangenheit sind an vielen deutschen Universitäten mittlerweile ein Thema, auch wenn man nach wie vor Geschichte studieren kann – auch auf Lehramt – ohne sich mit diesem Teil der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen.

Insgesamt würde ich sagen, es hat sich vieles verändert, aber es ist auch noch viel zu tun. Ganz dringend brauchen wir meiner Meinung nach zum Beispiel mehr Solidarität mit den geflüchteten Menschen vom afrikanischen Kontinent. Wie kann es sein, dass heute wieder Schwarze Menschen Opfer von Sklaverei werden? Warum schauen wir bei diesem Massenmord im Mittelmeer im Prinzip alle zu? Was sind das für unmenschliche Lager in denen geflüchtete Menschen in Europa leben müssen? Wenn wir darüber nachdenken, fühlen wir uns schnell ohnmächtig. Aber das sind wir nicht! Wir müssen uns nur besser organisieren.

Was können wir beim diesjährigen BHM Köln erwarten?

Der diesjährige BHM Köln bietet euch ein ziemlich spannendes und abwechslungsreiches Programm, mit Poesie, Filmkunst, Self Care und natürlich afro-deutscher Geschichte.

Zum Auftakt erwartet euch am 9.02. ein kolonialkritischer Stadtrundgang im sogenannten „Afrika-Viertel“ in Köln Nippes. Der Rundgang ist diesmal exklusiv für Black People of Colour und People of African Descent, denn mir ist bei vergangenen Rundgängen aufgefallen, dass es da ein gewisses Bedürfnis nach einem sicheren Rahmen gibt, in dem Menschen, die anders von den kolonialen Kontinuitäten betroffen sind, ihre Fragen in Ruhe stellen und diskutieren können. Außerdem wird da auch empowerndes Wissen vermittelt, indem ich die Geschichten Schwarzer Menschen in Deutschland, die auch Widerstand gegen den Deutschen Kolonialismus und den damaligen Rassismus geleistet haben, erzähle. Weil ich das schon oft gefragt wurde, es wird ab April aber auch wieder Rundgänge geben, die für alle offen sind und Gruppen können mich auch buchen

Weiter geht’s mit dem Film „Millies erwachen“ am 16.02. im Filmforum im Museum Ludwig. Dort könnt ihr diesen tollen Film nicht nur sehen, sondern anschließend auch noch mit der Filmemacherin Natascha Kelly darüber sprechen. Am 23.02. haben wir dann gleich zwei schöne BHM-Events.

Mittags gibt’s eine Yoga-Session mit Esther im Fleur de Coeur in Ehrenfeld. Das finde ich toll, denn nur wenn wir uns gut um uns selbst kümmern und es uns gut geht, können wir auch politisch aktiv sein, ohne langfristig auszubrennen. Audre Lorde hat das gut auf den Punkt gebracht: „Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation, and that is an act of political warefare.“

Abends zelebrieren wir bei der BHM-Special-Edition von Soultrip-Poetry afro-deutsche Poesie. Bei Kaleos Poetry Events, die auch über Köln hinaus mittlerweile eine gewisse Bekanntheit haben, herrscht immer eine sehr schöne, inspirierende und wertschätzende Atmosphäre. Dieses mal gibt es mit einer Lecture Performance von Kaleo über ihren Großvater, einen sambischen Widerstandskämpfer, außerdem ein neues Format, auf das ich sehr gespannt bin.

Ich hoffe ihr freut euch auf unser kleines, feines Programm genau so wie ich und ich lerne dadurch noch ganz viele von euch persönlich kennen!

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4 Gedanken zu “BHM 2019: Bebero Lehmann

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